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Literatur aus Lateinamerika

Tomás González, Am Anfang war das Meer.2006

Mario Bellatin. Der Schönheitssalon. 2001

Alfredo Bryce Echenique. Eine Welt für Julius. 2002

Laura Restrepo. Die dunkle Braut. 2003

Mario Vargas Llosa. Das Paradies ist anderswo. 2004

Memo Anjel. Das meschuggene Jahr. 2005

Tomás González, Am Anfang war das Meer. Deutsch von Peter Schultze-Kraft und Gert Loschütz unter Mitarbeit von Jan Weiz. 2006.

Wenn man ans Meer fährt, wird alles gut. Denn das Meer ist blau und hell und weit. Was aber, wenn eine Fahrt ans Meer in einer stinkenden Hafenstadt endet, die den Blick aufs Meer verwehrt? Dann ahnen wir, dass unsere Hoffnungen enttäuscht werden müssen. Dass auch ein festes Reiseziel in die Irre führen kann. Dass ein Aufbruch im Zusammenbruch enden wird. Am Anfang war das Meer heisst der Roman des Kolumbianers Tomás González der unsere Ahnungen gleich auf den ersten Seiten in diese Bilder zwingt.
Elena und J. haben das lärmige Großstadtleben Medellíns satt. Mit zwei Kleiderkoffern, seiner Bücherkiste und ihrer Nähmaschine brechen sie auf nach Turbo, jener schmuddeligen Hafenstadt an Kolumbiens karibischer Küste. Den Kaufvertrag für ihre Finca, die vier Bootsstunden von Turbo entfernt zwischen Meer und Urwald liegt, haben sie in der Tasche. Im gleissenden Sonnenlicht - das Meer ist dunkelgrün, Pelikane und Möwen steigen auf – sehen sie das Haus, das ihre Hoffnungen beherbergen, ihre Sehnsüchte erfüllen soll: Verwahrlost und dreckig. Glücklicherweise haben wir ja schon den Anfang gelesen und wissen, dass wir nicht die lateinamerikanische Variante eines sozialromantischen Aussteigerromans in Händen halten. Keine Überraschung also, dass das Haus eine Bruchbude ohne Wasser und Strom bleibt. Dass sich die Natur abweisend, launisch und Menschen verachtend zeigt. Dass sich J.‘s Bücherkiste mit dem literarisch-philosophischen Rundumschlag von Dostojewski, Nietzsche, Camus über Neruda und Brecht bis Hesse und Hegel als kulturelle Notfallhilfe unbrauchbar erweist. Und langsam dämmert es uns auch, dass J. bereits in Medellín ausgestiegen sein muss.
Ausgestiegen aus einem Leben, das kaum skizziert wird. Die Reise ans Meer steht am Ende dieses Ausstieges, der weder als Verweigerung noch als Alternative dingfest gemacht werden kann. Warum Elena J. begleitet ist nicht nachvollziehbar. Von Anfang an zeigt sie sich unzufrieden und quengelig, ein bockiges, aufbrausendes, zerstörerisches Kind auf einem Abenteuerspielplatz. Den sie erwartungsgemäß dann auch verlässt.
Wer aber ist J.? Ein Suchender. Was er sucht, bleibt bis zu seinem tragischen Ende undeutlich und vage. In seinem Rückzug aufs Land scheint der 34Jährige eine Chance zu sehen, ein Gegenleben zu konkretisieren. J. versucht sich in der Viehzucht, er eröffnet einen Laden und steigt schließlich ins Holzgeschäft ein. Es bleiben vergebliche Bemühungen in einem korrupten Land mit periodisch wiederkehrenden Naturgewalten. Mensch und Natur machen J.‘s Überlebenskampf zunichte. Aber erst in der überwältigenden Einsamkeit an dieser tropischen Küste offenbart sich für J. die Sinnlosigkeit seiner Existenz. Die Reise ans Meer entpuppt sich als schnurgerader Weg in den Abgrund.
In 38 sprachlich knapp gefassten Episoden pflegt Tomás González einen Stil der Auslassung. González interessiert nicht, woher das junge Paar gekommen ist und wohin Elena geht. Nur die Gegenwart zählt. Die Kargheit dieser Figuren kontrastiert dagegen mit breit gemalten Naturbeschreibungen, beklemmenden Stimmungsbildern und Einblicken in das Leben der Landbevölkerung.
Die karibische Küste Kolumbiens bietet eine grandiose Kulisse, um diese tragische Geschichte einer Selbstentfremdung in Szene zu setzen. Die auf das Notwendigste reduzierten Dialoge und die Weigerung des Autor, das Innenleben seiner Figuren auszuleuchten, stehen dazu in einem fühlbaren Gegensatz: J. ist seinem Schicksal ausgeliefert. Wie schade ist es da, dass die literarische Sprache zu oft hinter der gelungenen Inszenierung zurückbleibt. Die Noblesse des einfachen Sprachstils zeichnet sich durch Punktgenauigkeit aus. Daran fehlt es in Tomás González Roman, mit dem er 1983 debütierte, und der nach Horacios Geschichte nun das zweite, ins Deutsche übersetzte Buch von ihm ist. (E.S.)