Christoph Sigrist: Viertel vor sieben – Bayreuth

29. Juli 2015

Durch Bayreuths Kulturgeschichte auf den Grünen Hügel 

 

Strecke:  Vom empfehlenswerten Hotel Lohmühle in der Badstraße über die Roman- auf die Richard-Wagner-Straße.  Links über die Wahnfried-Straße in den Hofgarten. Diesen nach rechts  durchlaufen und links am Neuen Schloss vorbei auf den Jean- Paul-Platz.  Rechts in die Friedrich- und Sophienstraße über die Maximilianstraße hinweg bis zur Fußgängerbrücke über den Roten Main.  Dann durch Schul-, Karl-Marx-, Nibelungenstraße bis zur Siegfried-Wagner-Allee und hinauf zum Festspielhaus.  Zurück in leichter Variation über den „Wagner-Trail“  zum La Spezzia Platz und durch die Fußgängerzone wieder in die Badstraße.  Rd. 45 Minuten (ohne Kunstpausen).

 

Anlass: Wochenendfahrt des Oberurseler Literaturvereins  Literatouren e.V. nach Bayreuth, Juni 2015.

 

Der Aufstieg Bayreuths zu einer der bedeutendsten Kulturstätten Deutschlands begann  mit einem missglückten Deal auf dem  internationalen Transfermarkt heiratsfähiger Prinzessinnen. Statt englische Königin zu werden, musste  Friederike Sophie Wilhelmine von Brandenburg, die Schwester Friedrichs des Großen, den  Erbprinzen Friedrich heiraten und wurde so  Markgräfin von Bayreuth. Und da ihr in  der oberfränkischen Provinz die Wohnverhältnisse zu  beengt erschienen,  ließ Wilhelmine bis zu Ihrem Tod  1758 etliche Schlösser und Parks sowie ein prunkvolles Opernhaus (heute Weltkulturerbe) errichten.  Dieses wiederum lockte gut 100 Jahre später Richard Wagner nach Bayreuth,  doch dazu später mehr…

 

Lassen wir die Zeitläufte  entspannt bei einem morgendlichen Lauf durch Bayreuth an uns vorüber gleiten!  Von der Badstraße kommend traben wir zur  Richard-Wagner-Straße und laufen über eine kleine Allee auf die Villa Wahnfried zu.  Das Wohnhaus der Wagners wurde mit großzügiger Unterstützung  König Ludwig II. erbaut. Es erinnert im Stil an die oberitalienischen Palladio-Villen.  Gegenwärtig werden Haus und Hof originalgetreu renoviert und erweitert. Mitte 2015 wird der Komplex als Wagnermuseum wieder eröffnet.   Ebenso das benachbarte Siegfried-Haus, benannt nach Wagners Sohn.  Hier war  Adolf Hitler zu Festspielzeiten willkommener  Gast. Wagners Schwiegertochter Winifred mochte Hitler, und Hitler mochte Winifred.  Wagners Heldenopern gefielen den Nazis.

 

Wir laufen um die Villa herum zur großen schwarzen Marmorplatte, die die Überreste von Richard und Cosima Wagner abdeckt.  Daneben wacht Hund Russ unter seinem Grabstein.   Am Siegfried- Haus vorbei,  joggen wir nun in Richtung Hofgarten  und passieren dabei auch das sehenswerte  Jean Paul –  sowie  wenige Schritte weiter  das Friedrich Liszt-Museum.  Beiden werden wir auf unserem Lauf wieder begegnen.  Der von Wilhelmine angelegte Hofgarten ist die grüne Lunge Bayreuths, ein rechter Fleck zum Laufen und Lustwandeln und doch nur der kleine Bruder der Eremitage, jener riesige Lustgarten vor den Toren der Stadt, in dem Wilhelmine  an Mußetagen das karge Leben von Einsiedlermönchen ausprobierte.

 

Im Hofgarten  laufen wir auf das Neue Schloss zu. In seiner etwas künstlichen Größe vermittelt es einen Hauch von Versailles.  Links vorbei  gelangen wir alsbald zum Jean-Paul-Platz. Anlass genug für eine Platzrunde zu Ehren des  verkannten Meisters.  Jean Paul, mit bürgerlichem Namen Johann Paul Friedrich Richter, verschlug es 1804 in die Stadt.  Als oberfränkischer Berufsschriftsteller und Universalgelehrte war er reich an Wissen und knapp an Geld  –  bis seine romantisierenden  Werke zu Bestsellern wurden.  Heute aber gilt das opulente Werk als schwere Kost und  unverkäuflich.  Jean Paul war übrigens auch ein guter Walker,  denn von seinem Haus in der Friedrichstraße wanderte er regelmäßig weit aus der Stadt hinaus zu seiner Bratkartoffelfreundin in der Rollwenzelei.  Dort aß und trank und schrieb er  –  und erfand so bekannte Wortschöpfungen wie  Angsthase,  Gänsefüßchen oder  Weltschmerz.

 

Vom Jean-Paul-Platz laufen wir weiter  in die Friedrichstraße.  Die im 18. Jhd. errichteten  barocken Sandsteinbauten sind  eine Pracht.  Ebenso wie die ein paar hundert Meter weiter liegende Pianomanufaktur Steingraeber & Söhne.  Die Werkstatt stattet das musizierende Bayreuth  mit besonders klangvollen Tasteninstrumenten aus.  So seinerzeit auch den Komponisten und Pianisten Franz Liszt,  der die Bayreuther Szene dadurch bereicherte, dass er widerwillig  der Ehe seiner Tochter Cosima mit Richard Wagner zustimmte.  Damit war der Grundstein für eine streitfreudige Wagner-Dynastie gelegt, die alljährlich für ein paar Sommertage Politiker, Feuilletonisten und Opernfans in ihren Bann zieht.

 

Über die Sophienstraße, wo das Café Funsch  jeden Kuchenwunsch erfüllt, sind wir in der Innenstadt angelangt. Hier kreuzen  wir die Maximilianstraße, die mit ihren vielen Kneipen völlig zu Recht die oberfränkische Bierbrauerkunst hoch hält.  Wir aber kehren jetzt nicht ein, sondern  überqueren das schmale Wasser des Roten Mains in Richtung Grüner Hügel.  Die Straßen sind noch leer, aber in unserer Phantasie sehen wir die Menschen  in edler Abendgarderobe  zum Festspielhaus hinaufpilgern.

 

Denn in diesem Viertel Bayreuths ist  alles von Kopf bis Fuß auf Wagner eingestellt. Über die Nibelungen-Straße queren wir die Meistersinger-Straße und gelangen zum Fuße der Siegfried- Wagner-Allee.  Dieser letzte  Anstieg zum Heiligen Hügel kann einen schon zum Schnaufen bringen.  Und  dann stehen wir da vor dem überraschend bescheiden anmutenden Musiktempel, der nach Wagners Vorstellungen eigentlich nur eine Bretterbude  sein sollte. Das 1875 eröffnete Festspielhaus ist  ein genialer, überwiegend aus Holz erbauter Klangkörper.   Ein höchst unterhaltsamer Führer wird uns später die akustischen Besonderheiten des Hauses vorführen, vom überaus eingebildeten jungen  Herbert von Karajan berichten und uns den Platz zeigen, auf dem   Angela Merkel bei Festspielbesuchen  sitzt.

 

Wieder draußen, umrunden wir das Gebäude, begutachten die für  Chefdirigenten und  Tierarzt  (eigentlich Theaterarzt) reservierten Parkplätze und werden dabei  von einer Polizeistreife misstrauisch beäugt.   Trotzdem laufen wir beschwingt  auf dem „Wagner-Trail“ vorbei an bunten Wagnerfiguren  wieder in die Stadt hinunter.  Bald stehen wir vor dem Opernhaus  der Markgräfin Wilhelmine,  jenem Prunkbau, den Wagner seinerzeit als ungeeignete Spielstätte für sein Opernwerk  verwerfen sollte.  Ein paar Straßenecken weiter und um viele Anekdoten reicher,  gelangen wir gut gelaunt an den Frühstückstisch in der Lohmühle.  Nun sind auch wir Wagnerianer.

 

2 Kommentare

  1. Daniele Grimm sagt:

    Vielen Dank für den sehr launigen Beitrag. Übrigens kann man die Strecke auch im bequemen Gehschritt ablaufen und dabei noch den ein oder anderen Einkehrschwung nehmen.

  2. Stefan Bouillon sagt:

    Eigentlich ist dem nichts hinzuzufügen. Wirklich sehr launig geschrieben! Nur ein Hinweis sei gestattet: Am 26. Juli 2015, d.h. pünktlich zur Premiere der diesjährigen Festspiele har das Richard Wagner Museum wieder eröffnet. Der Besuch lohnt sich.
    Grüße an alle von Stefan Bouillon

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