![]() |
|
Lesenswerte Bücher aus der Belletristik und dem Sachbuch-bereich, sowie empfehlenswerte Rezensionen.
Peter Stamm: An einem Tag wie diesem. 2006
Ein Schweizer, um die 40, lebt seit etlichen Jahren als Lehrer in Paris. Der Alltag Routine, das Leben Monotonie - der Preis für Unverbindlichkeit? Es gibt Liebschaften, zwei, drei gleichzeitig, aber ohne tiefere Bindung, ohne Bedeutung. Es gibt einen Bruder mit seiner Familie in der entfernten Heimat. Dann taucht dieser Husten auf, der sich nicht heilen lässt und die dunkelsten Befürchtungen heraufbeschwört. Aber auch diese jüngere Kollegin, die nicht locker lässt und näher und näher kommt. Doch vor dem happy end müssen erst noch offene Ego-Geschichten aus der Vergangenheit zu einem Abschluss gebracht, Versäumtes nachgeholt werden. Ein Roman, der die große Einsamkeit unserer Zeit fasst, sich aber nicht scheut am Ende ein rosarot-leichtes Leuchten am Horizont auftauchen zu lassen, am Meer, am Dünenstrand der französichen Atlantikküste. Leichte, aber beeindruckende Lektüre in lakonisch-kühler Sprache.
zum Autor:
1963 in der Schweiz geboren, schnupperte er nach einer Kaufmannslehre in die Anglistik und Psychologie. Er verbrachte längere Zeit in Paris, New York, Berlin und London. Nun lebt er als freier Schriftsteller wieder in der Schweiz. Vor allem seine Bücher "Blitzeis" und "In fremdem Gärten" erweckten Aufmerksamkeit. (Gudrun Dittmeyer)
Jean Rouaud. Die Felder der Ehre (Les champs d‘honneur. 1990)
Eine französische Familiengeschichte par excellence: so menschlich, liebevoll erzählt, mit einer wunderschönen Sprache und feinem Humor.
Innerhalb weniger Wochen sterben der Vater, die alte Tante und schließlich der Großvater mütterlicher- seits. Das wenige, was bleibt - ein Gebiss, eine Schuhschachtel mit Habseligkeiten, ein Heiligenbild - kann die entstandene Leerstelle nicht füllen, den Verlust, die Entbehrung für die Hinterbliebenen nicht schmälern.Doch bilden diese Dinge den Ausgangspunkt für die Rekonstruktion der Familiengeschichte: der Großvater, der kettenrauchend und schweigsam mit seinem 2CV halsbrecherisch durch die Gegend fuhr, die schrullige Tante Marie, Typ katholische Jungfer, die jede Form von Veränderung hasste. Nach und nach kristallisieren sich aus den einzelnen Skizzen, aus den einzelnen Episoden die Geschichten der Menschen heraus, Zusammenhänge werden klar: am Horizont zeigt sich die Tragik der GESCHICHTE, der Geschichte des Ersten Weltkriegs mit seinen verheerenden Auswirkungen, vor allem für Frankreich.
zum Autor:
Der 1952 in Campbon bei St. Nazaire geborene Autor Jean Rouaud beginnt mit diesem Werk eine autobiographische Romanreihe über seine eigene Familie. Durch den frühen Tod der nahen Familienmitglieder aus der Bahn geworfen, führte Rouaud jahrelang ein unstetes Leben als Journalist, Feuerwehrmann, Verlagsvertreter und Kioskbesitzer. Drei Jahre arbeitete er an seinem ersten Roman „Die Felder der Ehre“, der aber, als er 1990 erschien sofort mit dem renommierten Prix Goncourt (1990) ausgezeichnet wurde. (Gudrun Dittmeyer)
Tomás González, Carola Dicksons unendliche Reise. Drei Leben. Deutsch von Peter Stamm, Gert Loschütz, Ofelia und Peter Schultze-Kraft. edition 8 Zürich, 2007.
„Die Welt war ein endloser Strudel, eine Wirrnis von Schmerz und dem Kampf dagegen.“ Als sich Carola Dickson auf einer Nußschale der sturmwütenden See entgegenstemmt, stellt sich ihre Einsicht in die Beschaffenheit dieser Welt wie von selbst, ja fast schon mit Leichtigkeit ein. Und doch ist dieses Bild und Grundmotiv des bemerkenswerten Erzählbandes Carola Dicksons unendliche Reise des kolumbianischen Schriftstellers Tomás González fürchterlich.
Drei Erzählungen versammelt der Band, drei Leben kündigt der Untertitel an. Es sind Existenzen, die allesamt von einem Sog erfasst werden, der sie in den Abgrund reisst. Und die dazugehörigen Menschen? Hier beginnt das Rätsel des Autors, seiner Erzählungen, dieser Biografien. Tomás González verschweigt, woher seine Figuren kommen und wohin sie gehen. Er gibt weder ihre Gedanken noch ihre Wünsche preis. So erfahren wir nur, wie seine Protagonisten im Sog des sie erfassenden Strudels handeln.
In der ersten und mit Abstand besten Erzählung Ein unwahrscheinliches Grün ist es der junge Maler Boris, der – erschüttert durch den tragischen Tod eines ihm nahestehenden Menschen – aus seiner lichtdurchfluteten, farbprallen Lebensbahn geworfen wird. Boris hört auf zu malen. Er verbannt die Farbe und verdammt das Licht. Langsam, aber unaufhaltsam lässt er sich in den dunklen Schlund der New Yorker U-Bahn-Schächte hinabziehen. In einer metapherndurchtränkten Sprache, die dennoch an Schlichtheit nicht zu überbieten ist, begleitet Tomás González den Penner Boris in das Schattenreich der urbanen Außenseiter. Dass ihn der Tod nicht will und die Dunkelheit wieder ausspuckt, ist Zufall. Eine Laune dieser Welt, in der die menschliche Existenz dauernd bedroht ist. Angesichts dieser Erkenntnis kann Boris wieder ins Licht treten, darf die Farbe wieder in seine, nur für einen Tag bestimmten Straßenmalereien Einzug halten.
Die zweite, titelgebende Erzählung Carola Dicksons unendliche Reise besticht mit ihrer durch und durch stimmigen Verzahnung von Bild und Sprache in der Geschichte des nie enden wollenden Aufbruchs der Lehrerin Carola Dickson. Die erwirbt ein Segelboot und repariert es unfachmännisch über Jahre hinweg. Minutiös, aber für den Leser undurchschaubar bereitet sie sich auf die Abfahrt vor. Schließlich sticht sie mit einem grotesk untauglichen Boot in eine See, über der bereits die schwüle Ruhe vor dem Sturm liegt. Dass sie vom tobenden Meer nicht verschlungen wird, grenzt an ein Wunder. Ein Wunder, das Carola Dickson nicht läutern wird. Sie wird wieder aufbrechen. Das haben wir im Gefühl. Wir wissen nur nicht wann und wohin.
Die literarische Kunst des Kolumbianers González besteht darin, dass er seinen Figuren ganz nahe rückt, den distanziert-beobachtenden Blick aber nie aufgibt. Damit erschreibt er eine Atmosphäre, die, so paradox das klingen mag, Nähe und Distanz, Anrührung und Reflexion, Gewissheit und Assoziation gleichermaßen möglich macht.
Die dritte Erzählung Der König vom ‚Honka-Monka‘ erreicht trotz gelungener Bilder und Einfälle nicht annähernd die Brillanz der ersten beiden Erzählungen. Die Geschichte von William, der ein Doppelleben als Geschäftsmann und Tänzer führt, findet zu keinem Erzählrhythmus und es fehlt ihr an sprachlicher Dichte.
Das ist ein Wehmutstropfen. Ist doch ansonsten dieser Erzählband aus der Zürcher edition 8 bis hin zum künstlerisch gestalteten Umschlag in sich stimmig. Eva Sigrist
Pablo Ramos. Der Ursprung der Traurigkeit. Aus dem Argentinischen von Susanna Mende. suhrkamp. Frankfurt a. Main. 2007
Die Umbruchsphase am Ende der Kindheit, zu Beginn der Adoleszenz ist ein faszinierendes Thema für die Literatur, birgt sie doch den spannenden Moment, in dem Altes unwiderruflich zu Ende geht, Neues aber noch konturlos und verschwommen bleibt. Es ist eine aufregende Zeit des Dazwischen, voller fesselnder Erfahrungen, aber zugleich auch irritierend, erschreckend und gefährlich. Und oft erzählen gerade die schlichten, einfachen Geschichten am eindringlichsten von diesen jugendlichen Verwirrungen.
So lässt der argentinische Schriftsteller Pablo Ramos (geb. 1966) in seinem Roman „Der Ursprung der Traurigkeit“ den etwa 12-jährigen Gabriel Gavilán von drei Erfahrungen erzählen, in denen die unbekümmerte Selbstversunkenheit der Kindheit aufbricht und erste Berührungen mit den dunklen, traurigen Seiten der Realität ihre Spuren hinterlassen.
Die drei elementaren Lebenserfahrungen Tod, Sexualität und Geburt drängen gleich zu Beginn, in der Erzählung „Das Geschenk“ in die Welt des jungen Gavilán, initiieren den Bruch mit der kindlichen Unbeschwertheit und künden in ihrer Verflochtenheit von der ganzen Dramatik des Erwachsenenlebens, eingebettet zwischen Freude und Trauer, Lust und Schmerz, Hoffnung und Enttäuschung.
Doch erlebt Gavilán zusammen mit seinen Freunden in der zentralen Geschichte „Der Bach in Flammen“ noch ein letztes Mal das prickelnde Gefühl kindlicher Abenteuerlust, wenngleich auch nicht ganz ohne beunruhigende Störungen von außen: Geplant ist ein gemeinsamer Bordellbesuch - typischer Ausdruck der frühreifen oder vielleicht besser: der lateinamerikanisch-frühen Virilität. Ein Schluck Wein soll den nötigen Mumm verschaffen. Nur ist der verlassen vorgefundene Weinkeller zu verlockend und aus dem Schluck Wein wird eine feuchtfröhliche, verspielt-ausgelassene Orgie. Das Erwachen aber ist schmerzhaft, die Rückkehr nach Hause reißt die Freunde aus ihrem angenehm betäubenden Rausch, denn hier herrscht der Ausnahmezustand: Der verseuchte Bach brennt und bedroht mit seinen Flammen das gesamte Wohnviertel und seine Bewohner.
„Zinn für die Fische“ lautet der seltsame Titel des letzten Erzählabschnittes, in dem nun endgültig die Kindheit zurückgelassen wird. Am Ende sind nicht nur die Fische im Aquarium tot, sondern der Vater muss sich von seinem Lebenstraum verabschieden und seine Werkstatt schließen, die Mutter unternimmt einen Selbstmordversuch und einer der Freunde wird bei einem Raubüberfall erschossen. Gabriel Gavilán beobachtet dies alles verständnislos und verzweifelt. Er fühlt sich so einsam wie noch nie. Er leidet unter der Sprachlosigkeit und Heuchelei der Erwachsenenwelt, einer Welt die nur aus geplatzten Träumen und Traurigkeit zu bestehen scheint.
Dass Pablo Ramos sein Handwerk beherrscht, zeigt sich in der klaren, einfühlsamen Sprache ohne Larmoyanz, aber mit feinem Humor, in den aussagestarken Bildern und vor allem auch in den wunderbaren Charakteren, die er dem heranwachsenden Gavilán an die Seite stellt: Da gibt es den gebildeten, aber gescheiterten, leicht verrückten Außenseiter Rolando, der als Grabpfleger in einer Gruft auf dem Friedhof haust und den Jungen mit seinen tröstenden Lebenseinsichten an die Hand nimmt. Oder den homosexuellen Musiker Fernando, ebenfalls eine verachtete Randexistenz, doch der einzige, der Gaviláns Nöte erkennt und respektiert. Und nicht zuletzt die gleichaltrige Marisa: Marisa, die zu Beginn noch als jungenhaftes Mädchen die Freunde mit ihren Fußball- und Judokünsten beeindruckt und ganz selbstverständlich auch beim Bordellbesuch dabei sein will. Marisa, deren weibliche Formen aber immer deutlicher hervortreten und die nun neugierig-begehrende Blicke auf sich zieht. Marisa, die am Ende einfach keine Lust mehr hat Fußball zu spielen.
Pablo Ramos beschreibt nicht nur überzeugend die allgemeinen Befindlichkeiten des Adoleszenzzustandes, sondern er verknüpft Gaviláns Entwicklung ganz konkret mit der engen Welt der kleinen Leute in den ärmlichen Vororten Buenos Aires am Ende der 70er Jahre. Es ist eine Zeit am Rande des Kollaps. Argentinien droht im politischen und gesellschaftlichen Chaos zu versinken. Es wird von wirtschaftlichen Krisen, von Umweltzerstörung und exzessiver Gewalt geschüttelt. Die Militärdikatur regiert mit unerbittlicher Härte, missachtet die Menschenrechte. Das Argentinien am Ende der 70er Jahre ist kein Land, das seinen Kindern einen behüteten, erfolgversprechenden Start insErwachsenenleben bietet. Kein Wunder, dass Gavilán bereits schon jetzt öfter zur Flasche greift, als ihm gut tut. Gudrun Dittmeyer
Memo Anjel, Das Fenster zum Meer. Erzählungen. Aus dem Spanischen von Peter Schultze-Kraft unter Mitarbeit von Gert Loschütz, Dieter Masuhr, Ofelia Schultze-Kraft und Peter Stamm. Rotpunktverlag Zürich, 2007.
Seitdem Memo Anjels Roman Das meschuggene Jahr im Februar 2005 auf dem deutschen Buchmarkt erschienen ist, wissen auch deutsche Leser, dass es in Medellín nicht nur Gewalt gibt. Völlig unerwartet ließ uns der Kolumbianer an den tragischkomischen Turbulenzen einer sephardischen Großfamilie in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts teilhaben. Verblüffend war auch, dass dieser lateinamerikanische Schriftsteller seinen jüdischen Mikrokosmos aus auffallend kurzen Kapiteln, Episoden und Geschichten zusammenfügte. Memo Anjel schien sich als der geborene Erzähler der kurzen Form zu präsentieren.
Seit März 2007 liegt nun der Erzählband Das Fenster zum Meer vor, den Anjels Übersetzer Peter Schultze-Kraft aus bisher unveröffentlichten Texten zusammengestellt hat. Mit ihnen beweist Anjel abermals seinen Sinn für skurrile Einfälle, seine Lust am ausgeklügelten Spiel mit der Phantasie, seine warmherzige Ironie. Ein Menschenfreund, zweifelsohne. Aber leider kein wirklich überzeugender Könner der kurzen Prosa.
Vierzehn Erzählungen versammelt Das Fenster zum Meer. Sie sind zwischen Europa und Lateinamerika angesiedelt und handeln von der Liebe und vom Tod, von Sehnsucht, Wehmut und Zusammenhalt in der Diaspora. Unübersehbar ist in den meisten Erzählungen Anjels Vergnügen, einerseits der Realität phantastische Capricen anzudichten und andererseits die Phantasie realistisch zu erden. Aber so amüsant-gefällig das auch daher kommt, bis auf wenige Ausnahmen verharren die Erzählungen im Zustand unausgearbeiteter Gelegenheitsskizzen.
In der Erzählung Der Vorleser entzückt die Idee, den Vorleser Lisandro Balsa – er unterhält und belehrt die Arbeiter in einer kubanischen Zigarrenfabrik mit Romanen - als Analphabeten zu entlarven. Umso enttäuschender ist der uninspirierte Schluß. Ähnliches gilt für die Erzählung Das Krankenhaus. Unsere Hauskatze, Die zwei Bücher und Vom Schatten, der Violine spielte beschreiben gelungene Bilder – die darauf warten, in ein größeres Ganzes eingefügt zu werden. An fast allen Erzählungen läßt sich auf diese Weise herummäkeln. Aber so ist das eben bei Lesern, die schon einmal verwöhnt wurden.
Das rettende Ufer erreicht dieser Erzählband mit Eine Adresse in Paris. In dieser Erzählung, in der sich ein Sohn auf die Suche nach dem früheren Freund seiner verstorbenen Mutter macht, ist Memo Anjel eine poetische Geschichte gelungen, in der Realität und Phantasie aufeinander angewiesen sind wie der Kopf auf das Herz. Das stimmt versöhnlich und löst Vorfreude aus: auf einen neuen Roman dieses kolumbianischen Schriftstellers.Eva Sigrist
Alonso Cueto, Die blaue Stunde. Roman. Aus dem Span. von Elke Wehr. Berlin Verlag, 2007.
Wenn eiternde Wunden endlich aufbrechen, können sie heilen und vernarben. Oder aber den Körper vergiften. Die blaue Stunde des peruanischen Autors Alonso Cueto erzählt von solchen Verwundungen, die - unerkannt,vernachlässigt und unbehandelt – tödlich enden oder in ein Leben entlang der Vernarbungslinien führen.
Der 42jährige Anwalt Adrián Ormache ist gut aussehend, beruflich erfolgreich und gesegnet mit zwei reizenden Töchtern. Mit seiner Frau Claudia dreht sich Adrián elegant und eloquent auf dem glatt polierten Parkett der wohlsituierten Limaer Mittelschicht.Alles ändert sich jedoch mit dem Tod der Mutter.
In ihrem Nachlass stößt Adrián auf Dokumente, die ihm erste Einblicke in die dunkle Vergangenheit seines Vaters, dem bereits verstorbenen Offizier Alberto Ormache, geben. Dass der in den achtziger Jahren in Ayacucho – der terroristischen Hochburg des „Leuchtenden Pfades“ - eine Militärkaserne leitete, war Adrián bekannt. Nie aber hatte er sich für die genaueren Umstände interessiert. „So lebte ich viele Jahre lang mit dem Bewusstsein, dass mein Vater in Ayacucho gegen die Terroristen vom Sendero Luminoso gekämpft und etwas getan hatte, um unser Vaterland zu verteidigen, und wir ihm deshalb Respekt schuldeten.“ Da war kein Gedanke an Brutalität und Grausamkeit, Folter und Vergewaltigung, an Angst und ja, auch an Liebe. Denn in eine seiner Gefangenen verliebte sich der Kommandant Ormache. Anstatt das Indio-Mädchen an die Truppe weiterzureichen, lebte er mit ihr zusammen – bis ihr eines Tages die Flucht gelang.
Adriáns Nachforschungen zielen zunächst darauf ab auszuschließen, „dass der Schatten dieser Episode auf mein wohlverdientes Ansehen fiel.(...)Ein Anwalt darf nicht den geringsten Fleck auf dem Anzug oder auf der Seele haben. Mein Vater, der in Huanta Mädchen folterte und umbrachte. Und eine davon war ihm entwischt...“. Doch Schritt für Schritt gerät Adrián in einen Sog, der ihn zurückzieht in die Vergangenheit und zugleich der Gegenwart entfremdet.
Seit dem Bericht der peruanischen Wahrheits-und Versöhnungskommission im Herbst 2003 wissen die Peruaner, dass der menschenverachtende Krieg zwischen den Guerilleros des linksextremen „Leuchtenden Pfades“ und dem peruanischen Militär in den achtziger und neunziger Jahren rund 70.000 Opfer gefordert hat. Gelitten haben insbesondere die verarmte indianische Landbevölkerung im andinen Hochland der Region Ayacucho. Glaubt man dem 1954 in Lima geborenen, dort als Journalist und Universitätslehrer arbeitenden, renommierten und preisgekrönten Erzähler Alonso Cueto, so schweigt sich das bourgeoise Lima über eine Zeit aus, die man kaum Vergangenheit nennen kann. Verdrängung nennt man gemeinhin diesen Vorgang, der das Weiterleben möglich macht. Darf man aber ignorieren, dass seither eine ganze Bevölkerungsgruppe traumatisiert ihr Leben fristet? Dass die Erinnerung an die grausame Ermordung ganzer Familien das Leben der Hinterbliebenen zerstört? Der „Leuchtende Pfad“ und der Versuch seiner Vernichtung hat sich in die Geschichte Perus eingebrannt. Heute eitern die tiefen Wunden aus diesem Krieg. Mit ungewissem Ausgang.
Das ist die berührendste Lesart dieses spannenden Romans, der - in guter peruanischer Literaturtradition - Zeitgeschichte und Poetik miteinander verbindet. Schade nur, dass diese erste Übersetzung eines Romans von Alonso Cueto ins Deutsche sprachlich blass bleibt. Eva Sigrist
Héctor Abad, Kulinarisches Traktat für traurige Frauen. Aus dem Span. von Sabine Giersberg. 2006
Es gibt sie noch. Die Bücher, die unters Kopfkissen gehören. Die - auch nur in kleinsten Portionen genossen - die Seele glätten, wenn das Leben Verwerfungen hervorgebracht hat. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Héctor Abads Kulinarisches Traktat für traurige Frauen ist weder in überfüllten Ratgeberregalen noch im Empfindungsschmodder kleinformatiger Geschenkbücher zu finden. Obwohl dieses Buch durchaus ein Geschenk ist. Und die blanke Literatur obendrein.
Der kolumbianische Schriftsteller und Journalist Héctor Abad hat ein Buch über die Liebe geschrieben. In mundgerechten Apercus plaudert er über die junge und die alte, die berückende und hintergangene, die enttäuschte und die verlorene Liebe. Ein schmales Bändchen voller Eloquenz, das federleicht daher kommt und überraschender Weise eine Erkenntnis zu Tage befördert, die so alt ist wie die Menschheit. Nämlich, dass die Liebe facettenreich, undurchdringlich und meistens schwer bekömmlich ist.
Gegen die unweigerlich folgenden Verdauunsstörungen der Seele hält Abad Rezepte und Gegenmittel bereit, die ihre Wirkung nie verfehlen. Denn jedes seiner kurzen Ansprachen zwingt einen geradezu, in unverhohlenes und siegesgewisses Gelächter auszubrechen, reizt zu vergnügtem oder auch boshaftem Kichern, lädt zu einem versöhnlichen, einem einsichtigen Lächeln ein - über eine zweite banale Erkenntnis: dass das Leben eben so ist wie es ist. Und dass das einzige Gegenmittel nur darin bestehen kann, es anzunehmen in der Gewißheit, dass Schmerz vergeht, Traurigkeit die Augen öffnet, Freude belebt und Lust Lebenselixier ist. Eine Philosophie des Alltäglichen also. Allerdings ist sie reich garniert mit überschäumender Phantasie, getunkt in die kulinarische Sinnlichkeit des Südens und offeriert mit der frechen Nonchalance des Weltbürgers.
Héctor Abad hat sein Kulinarisches Traktat für traurige Frauen seinen fünf Schwestern und seiner Mutter gewidmet. Schon möglich, dass die Erfahrungen in einem Haushalt mit sechs Frauen unabdingbare Voraussetzung sind, um als Mann den diffizilen Stoff der Liebe in seinen Färbungen und Mustern studieren zu können. Die abgeklärte, tiefe Zuneigung jedenfalls, mit der Abad von den Frauen und ihrer Liebe erzählt, ist die eines wissenden Bruders. Nun aber zu glauben, Abads kulinarisches Traktat sei nur etwas für traurige Frauen, ist völlig falsch. Schließlich ist ein Bruder ein Mann. Und der Kolumbianer Héctor Abad allen Männern dieser Welt ein Bruder im Geiste.
Was nach der Lektüre dieses Buches bleibt ist ein versonnenes Lachen. Über die Irrwege der Liebe, die Hürden des Lebens und den literarischen Esprit Héctor Abads, der die Phantasie beflügelt, um die Wahrheit zu ertragen. Eva Sigrist
Tomás González, Am Anfang war das Meer.2006
Mario Bellatin. Der Schönheitssalon. 2001
Alfredo Bryce Echenique. Eine Welt für Julius. 2002
Laura Restrepo. Die dunkle Braut. 2003
Mario Vargas Llosa. Das Paradies ist anderswo. 2004
Memo Anjel. Das meschuggene Jahr. 2005
Colette. Mitsou. 1917.
Die bezaubernde Geschichte über die kurze Liebesepisode des kleinen Revuemädchens Mitsou mit einem feschen Lieutenant. Die erste Begegnung in der Garderobe des Revuetheaters: Mitsou zieht alle Register der Verführungskunst - und gibt sich kühl, reserviert, scheinbar uninteressiert. Aber sie ist hübsch und der Lieutenant beißt an. Sein Ehrgeiz erwacht. Bevor er an die Front zurückkehrt, schreibt er ihr den ersten Brief. Die Korrespondenz beginnt. Mitsou verzaubert ihn mit ihren Antworten voller Charme, voller entzückender Redewendungen. Sie erweist sich als große Liebeskünstlerin, als dame de coeur. Beide kommen sich in den Briefen näher und näher, bis der Lieutenant eines Tages vor ihrer Tür steht und nun Vorstellung und Fantasie auf die Realität stoßen. Sie verbringen einen Abend, eine Nacht miteinander, die Gefühle verwirren sich mehr und mehr, schwanken zwischen Nähe und Distanz, zwischen Anziehung und Ablehnung.
zur Autorin:
Colette (1873-1954) zählt nach wie vor zu den grandes dames der französischen Literatur. Sie führte für ihre Zeit ein äußerst bewegtes, libertinäres Leben und verfasste ein beeindruckendes Werk aus Zeitungsartikeln, Essays, Romanen, Erzählungen. Eine Wieder- oder Neuentdeckung lohnt sich. (Gudrun Dittmeyer)