Parallelwelten – nachkriegsdeutsches Sittenbild mit Halbweltdame

30. April 2020

 

Frankfurt liest ein Buch – und  Oberursel liest mit:

Erich Kuby. Rosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind

 „Deutschlands schönstes Lesefest“ vom 27. April bis 10. Mai 2020

 

 

30. April 2020  I  19.30 Uhr

kunstbühne portstrasse I Hohemarkstraße 18 I 61440 Oberursel

Mit Tilman Allert und Birgitta Assheuer:

 

 

AllertAssheuer

 

 

Es war ein Skandal: Im Herbst 1957 wurde die Edelprostituierte Rosemarie Nitribitt ermordet in ihrer Wohnung in der Stiftstraße in Frankfurt aufgefunden. Ihr akribisch geführtes Kontobuch offenbarte, was alle schon wussten: Nitribitt verkehrte in den höchsten Kreisen der Gesellschaft. Zu ihrem Kundenstamm gehörten die wohlhabendsten Männer der deutschen Nachkriegszeit, Großindustrielle und Banker, Lebemänner und Journalisten aus Frankfurt, aus der Umgebung, aus dem ganzen Land.

 

Aus äußerst armen, traurigen Verhältnissen kommend und schon früh Opfer sexuellen Missbrauchs, versuchte die junge Rosemarie ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und als „unabhängig“ arbeitende Prostituierte dem Elend zu entfliehen. Es funktionierte. Einerseits. Das Geld floss. Und Rosemarie investierte es  in  luxuriöse Automobile, in denen sie  äußerst werbewirksam durch die Straßen Frankfurts kurvte. Sie besaß ein untrügliches Gespür für die kapitalistische Erfolgsmischung aus Sex, PS und Mobilität. Ihr kühler Geschäftssinn machte sie unwiderstehlich. Doch letztendlich blieb sie außen vor, war sie selbst das be- und ausgenutzte Objekt einer einflussreichen Männerwelt.

 

Der Mord wurde bis heute nicht aufgeklärt, der Mörder nicht identifiziert. Unregelmäßigkeiten und Pannen bei den Ermittlungen schürten das Feuer der Gerüchteküche.

 

Der Journalist Erich Kuby, 1910-2005,  schrieb als genauer Beobachter der jungen Bundesrepublik unter anderem für den Stern und den Spiegel, war in Fernsehen und Hörfunk mit gesellschaftskritischen Studien zu hören und veröffentlichte eine Reihe von Büchern.  1992 erhielt er den Publizistikpreis der Landeshauptstadt München verliehen. Posthum wurde er 2005 mit dem Kurt-Tucholsky-Preis geehrt. „Rosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind“: Der Titel bringt Kubys Ansatz auf den Punkt: Er sah den Fall Nitribitt als Brennspiegel der  kapitalistischen Nachkriegsära und reicherte die Geschichte Rosemarie mit der Parallelhandlung  um die nuklearen Aufrüstunganstrengungen in den 50er Jahren an. Rosemarie war für ihn die Inkarnation der bundesrepublikanischen Atmosphäre und ihrer Begehrlichkeiten. Ihr Fall das Paradigma einer tiefsitzenden Doppelmoral.  »Ein überraschend zeitloses Lesevergnügen.« Kristina Maidt-Zinke, Süddeutsche Zeitung

 

Der Frankfurter Soziologe und Sozialpsychologe Tilman Allert (*1947), Kurator der Reihe „Wie wir wurden, wer wir sind – Deutsche Biografien“ der Frankfurter Bürgeruniversität, beleuchtet die Welten, aus denen Rosemarie Nitribitt kam, in denen sie sich bewegte. Die Sprecherin Birgitta Assheuer liest ausgewählte Textpassagen. (Gudrun Dittmeyer)

 

Karten: 8 Euro

Vorverkauf: Buchhandlung Marion von Nolting I Kumeliusstraße 3 I 61440 Oberursel

und Abendkasse

 

Fotos: Tilman Allert©Uwe Dettmar

Birgitta Assheuer ©Alexander Paul Englert